Der Abwurf-Behälter 23 aus Stalingrad

Mit der Bombardierung der Stadt durch die deutsche Luftwaffe am 23. August 1942 erreichte der Krieg auch Stalingrad. Adolf Hitler hatte in seiner Weisung 41 vom 5. April 1942 als Auftrag an die Wehrmacht formulieren lassen: "Auf jeden Fall muss versucht werden, Stalingrad selbst zu erreichen oder es zumindest so unter die Wirkung unserer schweren Waffen zu bringen, dass es als weiteres Rüstungs- und Verkehrszentrum ausfällt."

Nachdem die deutschen Truppen seit dem 28. Juni 1942 immer weiter nach Osten Richtung Stalingrad vorstießen, sah die Luftwaffenführung in der zweiten Augusthälfte die Zeit gekommen, Hitlers Weisung in die Tat umzusetzen. Kommandeur der Luftflotte 4 war der Generaloberst Wolfram von Richthofen, der 1937 schon das spanische Guernica und 1939 das polnische Wielun bombardiert hatte. Am 23. August 1942 schrieb von Richthofen in sein Tagebuch: "Am Spätnachmittag beginnt mein 2 tägiger Großangriff gegen Stalingrad." Genaue Zahlen sind nicht bekannt, doch es ist anzunehmen, dass etwa 1.600 deutsche Flugzeuge rund 1.000 Tonnen Bomben auf die Stadt warfen. Die Wirkung war verheerend. In den Wohnbezirken gerieten die Holzhäuser in Brand, viele Menschen starben. Die sowjetischen Luftstreitkräfte waren zu diesem Zeitpunkt sowohl zahlenmäßig als auch in der Kampfkraft unterlegen, so dass die deutschen Bomber und ihre Begleitjäger kaum auf Widerstand stießen. Am 24. August ließ von Richthofen weiter bomben, die großen Öllager an der Wolga gerieten in Brand und erzeugten große schwarze Rauchwolken. Einen Tag später standen laut von Richthofen zwei Brandwolken mit einer Höhe von 3.500 Meter über der Stadt. Die Flugzeugbesatzungen konnten vor lauter Qualm selbst in ihren Flughöhen wenig erkennen. Gleichzeitig meldeten sie an ihre Vorgesetzten "Stadt vernichtet".

Luftschutzkeller geschweige denn Luftschutzbunker, wie während der britisch-amerikanischen Bombardierung im Deutschen Reich, gab es in Stalingrad kaum. Stattdessen mussten viele Einwohner Zuflucht in ausgehobenen Gräben unter freiem Himmel suchen. Die Einwohnerschaft erlitt in dieser Hölle schwerste Verluste. Nach offiziellen sowjetischen Angaben starben bis zu 40.000 Menschen. Noch viel mehr Einwohner verloren ihre Häuser und ihr gesamtes Hab und Gut. Die Fabriken und Straßen Stalingrads wurden schwer beschädigt. Hitler Weisung war Folge geleistet worden.

Daten Abwurf-Behälter 23 (AB-23): Gewicht leer: rund 14kg, Gewicht beladen: rund 60kg, Inhalt: 23 SD-2 Bomben, Maße: Länge=110,5cm Durchmesser=20,3cm

In den folgenden Monaten wurde Stalingrad bis zur Vernichtung der deutschen 6. Armee im Januar 1943 weiter bombardiert. Dabei wurden auch Abwurf-Behälter 23 (AB-23) eingesetzt, die erst zu Jahresanfang 1942 eingeführt worden waren. In ihnen befanden sich 23 Bomben zu je 2 Kilogramm (SD-2). Der Behälter öffnete sich im Flug und verstreute dabei die 23 kleinen Bomben über eine bestimmte Fläche. Diese Streubomben ermöglichten so ohne genaues Zielen eine sichere "Wirkung" gegen Menschen, Fahrzeuge und andere ungepanzerte "Ziele".

Gefahren gingen für Zivilisten nicht nur von der Flächenwirkung aus, sondern auch von den vielen nicht explodierten Blindgängern, die dann quasi als Minen liegen blieben - bis heute. Der hier fotografierte AB-23 ist eine Leihgabe des Staatlichen Panorama-Museums "Stalingrader Schlacht" in Wolgograd. Das Exponat ist Teil unserer kommenden Sonderausstellung.

 

Text: Jens Wehner M.A., Sachgebietsleiter und Kurator der Sonderausstellung Foto: MHM/David Brandt 23. August 2012